Johannes Kinzinger

Kinzinger
Johannes Kinzinger

vulgo Krämer-Johannchen, Johannerchen, Kleiner Johann

Er ist 30 Jahr alt, katholischer Religion, und von Mosbrunn im Großherzogt hum Baden gebürtig. Derselbe führte früher zuweilen den Namen Johannes Schmitt, und in weiteren Zeiten Peter Köberlein von Wicker in dem Königl. Bayerischen Landgericht Hilters, auf welchen letzteren Namen er bei seiner Arretierung nicht nur einen sonst regelmäßigen und untadelhaften Pass bei sich führte, sondern auch für ihn und die Rechtlichkeit seines Lebenswandels sehr vorteilhaft sprechende Zeugnisse von Orts-Schultheißen besaß. Er war indes offenherzig genug, selbst anzugeben, dass es mit ihm nicht so sei, wie in diesen Papieren stehe – und dass sein wahrer Name Johannes Kinzinger sei. Unter seinen Spießgesellen hatte er den Nahmen Krämer-Johannchen und auch Schneider. Sein Vater nannte sich Heinrich Kinzinger, war angeblich von Grünstadt jenseits des Rheins, und ein gelernter Schlosser, seine Mutter aus Basel gebürtig.

Diese seine Eltern waren nirgends ansässig, sondern zogen ohne festen Wohnsitz zu haben umher, indem sein Vater zuweilen an diesem oder jenem Orte die Viehhüte auf eine Zeit lang übernahm, oder Schlosserarbeiten fertigte. Es war eben der Fall auch dass derselbe in Mosbrunn Gemeindehirte war, als Johannes Kinzinger ihm geboren wurde. Er hat keine weitere Geschwister, und verlor frühzeitig seine Eltern, denn sein Vater starb wie er sechs Jahr alt war, und seine Mutter ein Jahr später zu Rosbach im Fürstentum Aschaffenburg. Nach der letzteren Tode nahm ihn ein Einwohner zu Rosbach aus Mitleiden einige Jahre zu sich.

Er war etwa neun Jahr alt, als er von Mosbach weg kam und sich nach Engethal im Spessart als Hirtenbube verdingte. Sein zweiter dasiger Dienstherr war ein Schneider seiner Profession. Obgleich die Hauptarbeit Kinzingers bei diesem seinem Brotherrn auch das Viehhüten war, so wusste er doch die ihm davon übrig gebliebene Zeit dazu zu benutzen, dass er sich einige Fertigkeit auf dem Schneiderhandwerk zu erwerben wusste. Er sagt, gelehrt sei er von seinem Brotherrn die Profession, nicht geworden, sondern er habe solche abgesehen. Er trieb indes damals die Schneiderprofession nicht fort, sondern verdingte sich wieder zu einem Bauern und nach diesem bei einem Müller zu Neudorf als Knecht, nachdem er vorher, wie er sich ausdrückt, einige Zeit herumgelaufen war, und hierbei etwa 14 Tage auf dem Neuhof bei Eschau gedient hatte, wo damals gerade auch J. A. Heusner als Knecht diente, und „Kinzinger die erste Bekanntschaft mit ihm machte. Kinzinger war, als er zu Neuhof diente, ungefähr 14 Jahr alt, hatte nie eine Schule besucht und keinen Unterricht in der Religion genossen, so wie er dann nach seiner Versicherung bis jetzt noch nicht das Heil. Abendmahl genossen hat. Unter solchen Verhältnissen ließ er sich in dem bemerktem Alter unter das damals gerade errichtet wordene Scheitersche Jägercorps engagieren: er desertierte indes nach einiger Zeit von diesem Corps und nahm Dienst unter dem von Albinischen Jägercorps. Da wurde er aber nach einiger Zeit als Deserteur von dem Scheiterschen Corps entdeckt, abgestraft und weggejagt. Kinzinger fing nun an auf dem Schneiderhandwerk zu arbeiten. Er hatte jedoch diese Profession kaum etwas über ein Jahr getrieben, und zuletzt in Waldmichelbach in Arbeit gestanden als er mit samt seinem dasigen Meister und dessen Mutter nach Aschaffenburg in Verhaft kam, und nach einem Arrest von ungefähr sechs Wochen an die damals zu Frankfurt bestandene Kaiserl. Österreichische Werbung abgegeben wurde. Nach Kinzingers Erzählung war sein Meister ihm unbewusst als ein Marktdieb signalisiert; er war mit demselben und dessen Mutter auf einen benachbarten Markt gegangen, wo jene von einem von Aschaffenburg abgesandt gewesenen Polizeioffizianten arretiert, und er, weil er in ihrer Gesellschaft war, mit verhaftet wurde. Nach seiner Behauptung hatte er aber damals weder Wissenschaft von den Diebereien seines Meisters und noch weniger Anteil daran. Bei den Österreichischen Truppen kam Kinzinger unter das Regiment Fröhlich, bei dem er ein Jahr diente, und dann in einem Komplott von Königsgraz desertierte, und nach Preußisch – Schlesien überlief. Seine Kameraden traten in preußische Kriegsdienste, auch Kinzinger wollte sich unter dieselben anwerben lassen, allein er wurde wegen Mangel des gehörigen Maßes nicht angenommen. Derselbe zog sich daher wieder in die untern Maingegenden, wo er sich besonders in den Umgebungen von Wertheim herum trieb und mitunter sich mit Betteln abgab. Nachdem er eine Zeitlang so umher gegangen war, trat er bei einem Schneider in Rabern wieder

in Arbeit. Er hatte etwa 14 Tage hier gearbeitet, als des Heusners Frau und deren Schwester Elisabeth in das Haus kamen und da übernachteten. Den andern Morgen traf auch J. A. Heusner daselbst ein, der in Heddersbach um Quartier lag, seine Frau aufsuchte, die er geschlagen und sie dadurch bestimmt hatte, sich von ihm zu entfernen. Kinzinger suchte Bekanntschaft mit der Schwägerin des Heusner, einem damaligen jungen, sauberen Mädchen, anzuknüpfen, und dieser, den er, wie oben bemerkt, schon kannte, machte ihm daher den Vorschlag, dass er mit ihm gehen solle, und er seine Schwägerin dann heiraten könne. Kinzinger schlug nicht gleich in diesen Vorschlag ein; Heusner mit seiner Familie entfernten sich wieder, und Kinzinger blieb bei seinem Meister. Den andern Morgen kam indes die Schwägerin des Heusners wieder auf Robern, lud den Kinzinger ein, einmal zu ihrem Schwager zu kommen, und dieser ließ sich nun, ein damaliger junger Pursche, dem das Mädchen am Herzen lag, bestimmen, mit ihr zu gehen Die nähere Verbindung zwischen beiden wurde nun bald eingegangen;  Kinzinger blieb von nun an bei J. A. Heusner und wurde sein Spießgeselle; er sagt, von da an habe er die Bekanntschaft des Heusners zu den Schlechtigkeiten gemacht. Etwas über ein Jahr führte Kinzinger die Schwägerin des Heusners als Beischläferin mit sich (es war dies in den Jahren 1804 und 1805) und trieb sich während dem mit diesem seinem Schwager besonders im Würzburgischen, Werteimischen und zeitweise im Odenwald herum. Beide trugen das Schild von sogenannten Kastenkrämern, und hatten gewöhnlich stattliche Warenvorräte, so dass sie als rechtliche Leute passierten, ob sie gleich schon im Jahr 1806 von dem damaligen Großherzogl. Hofgericht zu Würzburg in der Polizeyfama und dem Allgemeinen Anzeiger der Deutschen als Räuber und Diebe signalisiert wurden, wie sie in einer damals bei dem Landgericht Homburg gegen eine dort inhaftiert gewesene Diebsbande, schon bezeichnet waren. Sie wurden übrigens da nur unter dem allgemeinen Namen die Krämer-Johann und Johann Adam angegeben. Bei Gelegenheit, dass Johannes Kinzinger und andere seiner Spießgesellen in der Nähe von Wertheim eine heftige Schlägerei unter sich hatten, wurden mehrere derselben und dabei auch jenes Beischläferin, die Schwägerin des Heusners, verhaftet und nach Wertheim in Arrest gebracht. Kinzinger war der Arretierung entgangen; er traf in der Nähe von Wertheim die sogenannte Frankenlies mit ihren beiden ihm vorher schon bekannt gewesenen Töchtern und verband sich mit der ältesten derselben, mit der er seitdem und bis zu seiner jetzigen Arretierung lebte und einen jetzt 10 Jahre alten Knaben gezeugt hat. Mit dem J. A. Heusner kam er, so lang er in dieser Verbindung lebt, wenig mehr zusammen, indem er mit ihm darüber verfiel, dass er dessen Schwägerin verlassen hatte. Nach seiner Angabe ist er mit der Tochter der Frankenlies zu Katzenbach im Großherz. Badischen Amt Zwingenberg durch den dasigen evangelischen Pfarrer in Gegenwart von drei Zeugen wirklich priesterlich getraut, obgleich er sowohl als seine Frau der katholischen Religion zugetan sind. Diese ist die Tochter eines sicheren Johannes Köberlein, eines Gauners, der in Brückenau mit dem Strang hingerichtet worden ist. Seine Schwiegermutter nennt sich Elisabeth Stadlerin, führte aber den Namen Franken- auch Schwefellies, da sie aus Kastell im Würzburgischen gebürtig ist, und mit Schwefelhölzern, Schneeberger Schnupftabak und andern dergleichen unbedeutenden Gegenständen handelte.

Nach den oben schon angezogenen Untersuchungsakten des Landgerichts Homberg machte sie gewöhnlich die Gelegenheit zu Diebstählen aus, nahm auch wohl selbst unmittelbaren Anteil daran. Sie ist gegenwärtig bei dem Großherzogl. Badischen Kriminal-Amte Tauber-Bischofsheim in Verhaft und Untersuchung. Ihre jüngere Tochter ist an einen Taglöhner zu Altenbuch – gemeinhin Wallenbuch genannt – verheiratet.

Eine Zeit lang führte Kinzinger auch neben seiner Frau die sogenannte Knöpferlies, nachherige Beischläferin des in Heidelberg hingerichteten Krämer – Mathes (Mathes Österlein) mit sich, mit der er auch einen noch lebenden Knaben gezeugt hat. Seitdem Heusner nicht mehr sein gewöhnlicher Spießgeselle war, waren seine Diebereien gewöhnlich sogenannte Scheinsprünge (Diebstähle die bei Tage durch Einschleichen in die Häuser begangen werden) wobei er nicht selten bedeutende Geldsummen entwendete. Die Gelegenheit zu diesen Diebstählen sah er gewöhnlich aus, wenn er in den Ortschaften mit seinen Waren haussieren ging. In Herrn Hofgerichtsrat von Grolmanns aktenmäßiger Geschichte usw. p. 604, wird von ihm nach Würzburger Untersuchungsakten gesagt, dass er bei seinen Scheinsprüngen sich zuweilen Weibs-Kleider bedient habe, und in jenen Untersuchungsakten sagt auch Friedrich Schmitt (einer der Tanzstöffel) dass dies namentlich der Fall bei dem unten vorkommen werdenden Diebstahl zu Wiesenfeld gewesen sei, allein Kinzinger stellt solches beharrlich in Abrede, und behauptet, dass er nur ein einziges Mal, dass er die Gelegenheit zu einem, nachher nicht ausgeführt wordenen Diebstahl, ausgesehene Weibskleider angezogen, um sich unkenntlich zu machen.

Kinzinger ist übrigens wirklich ebenso listig als gewandt. Nicht sehr groß von Person, geschmeidig von Körperbau, ist er bei seinen Diebstählen öfter bei hellem Tag durch Öffnungen, z. B. gewöhnliche Schiebefenstern, wie sie auf dem Lande häufig verkommen, in Wohnungen eingedrungen, dass es nicht möglich zu sein scheint, dass ein erwachsener Mensch durch die Öffnung durchschlüpfen konnte: er wusste dabei die Diebstähle mit solcher Gewandtheit und Vorsicht zu begehen, dass Niemand den Täter nur mutmaßen konnte. Der Regel nach führte er dabei einen Meisel (Schaberer) bei sich.

Seit seiner Verbindung mit seiner jetzigen angeblichen Frau hatte sich derselbe gewöhnlich in und bei Wertheim, in Miltenberg, Amorbach und dasiger Gegend aufgehalten, und von hier aus als Krämer Exkursionen ins benachbarte Würzburgische, das Fürstenthum Aschaffenburg, das Fuldsche suw. gemacht. Gewöhnlich war es bei diesen Auszügen auf Diebstähle abgesehen, und das Haussieren und Marktbesuchen als Krämer nur Deckmantel. Zu Lembach im Großherz. Badischen Amte Mudau war er ungefähr zwei Jahre als förmlich rezipierter Untertan ansässig: er fand aber für gut sich heimlich von dort zu entfernen, da er von einem Polizeioffizianten, einem sogenannten Fleischmann, ausgespürt worden war. In Aschaffenburg war Kinzinger während seiner Verbindung mit seiner jetzigen Frau zweimal in Verhaft: das erste Mal mit seinem Schwager zu Altenbuch wegen des Verdachts an einem Fleischdiebstahl Anteil genommen zu haben. Er wurde indes nicht näher entdeckt, und der Erfolg der gegen ihn statt gefundenen Untersuchung war, dass er aus dem Fürstentum Aschaffenburg verwiesen, und ihm dessen Wiederbetretung bei Zuchthausstrafe verboten wurde; das zweite Mal kam er in Verhaft, und musste diese ihm angedrohte Strafe verbüßen, weil er gegen das vorbemerkte Verbot sich dennoch wieder in dem Fürstentum Aschaffenburg hatte betreten lassen. Zu Mittelsinn und zu Winnen war er in dem Fall in Verhaft gezogen werden zu sollen, allein er entkam beide mal mit der Flucht, indem er an letzterem Ort seine beide Kramkasten und die Papiere, welche er zu seiner Legitimation bei sich führte, im Stich lies.