Polizeiliche Nachrichten von Gaunern, Dieben und Landstreichern, nebst deren Personal-Beschreibungen Ein Hülfsbüch für Polizei- und Criminal-Beamte, Gendarmen, Feldjäger und Gerichtsdiener

Von Friedrich Eberhardt, Polizei-Rath und Ober-Polizei-Commissair in Gotha
Mit 14 Stammtafeln
Gotha, 1833
Verlag von Carl Gläser

Vorwort

Eine der vorzüglichsten Pflichten der Regierungen besteht in der Sorge für Erhaltung der öffentlichen Sicherheit. Regierungen, welche das bewegliche Eigentum der Staats-Angehörigen weder gegen räuberische Anfälle noch gegen List und Betrug zu schützen vermögen, leisten Verzicht auf die Erfüllung ihres erhabenen Berufs und nötigen zur Selbst hülfe. Das es nie dahin komme, sei das Bestreben aller Sicherheits-Beamten. Jeder tue was in seinen Kräften steht, um der zunehmenden Unsicherheit entgegen zu wirken und drohende Gefahren von seinem Vaterlande abzuwenden, Von dem Wunsche, das Meinige zur Erreichung eines solchen Zweckes beizutragen, beseelt, habe ich bereits vor vier Jahren eine Sammlung von 400 Lebens- und Personal-Beschreibungen gefährlicher Gauner, Diebe, Betrüger 2c. durch den Druck bekannt gemacht.

Der Nutzen, den diese Veröffentlichung nach den mir gemachten Zusicherungen gestiftet haben soll, hat mich zur Herausgabe eines zweiten Theils umso mehr veranlassen müssen, als ich fest überzeugt bin, dass nur ein kräftiges, wohlberechnetes, gleichmäßiges Zusammenwirken aller Polizei-Beamten geeignet ist, dem Gauner-Unfug Einhalt zu tun. Mehrere Behörden, die nicht ahnten, wie sehr sich das Gauner-Gesindel auch über Franken und Thüringen verbreitet hat, sind zum Theil durch die Bekanntmachung meiner actenmäßigen Nachrichten vom Jahre 1828 zur Ergreifung sachgemäßer Vorkehrungen aufgemuntert worden, und haben von meiner Schrift mit Erfolg Gebrauch gemacht.

Um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, habe ich die Zeit, die ich neben mannigfaltigen Berufs-Geschäften erübrigen konnte, zur Sammlung neuer Nachrichten über Gauner c. benutzt und keine Mühe gescheut, wenn es die Entlarvung und Unschädlichmachung irgendeines Bösewichts galt. Was ich neuerdings zur Erleichterung der Sicherheits-Beamten zusammengetragen habe, ist in diesem Bande enthalten. Ich empfehle ihn der schonenden Beurteilung meiner Herren Kollegen und verwahre mich im voraus gegen etwaige Irrtümer, die sich ungeachtet aller Sorgfalt, die ich auf das Ordnen und Zusammenstellen der nachfolgenden Lebensbeschreibungen verwendete, doch leicht eingeschlichen haben können.

Wer viel mit Gaunern (ächten Kochemern) zu tun gehabt hat, wird mit mir die Erfahrung gemacht haben, dass diese nur selten zur Angabe ihrer wahren Verhältnisse zu bewegen sind, und dass sie ihre eigentlichen Namen und Familien-Verbindungen häufig auf das Ängstlichste zu verheimlichen suchen, weil sie fürchten, sich dann in ihrer ganzen Blöße darzustellen. Wenn übrigens in die gegenwärtige Sammlung auch die Biographien solcher Individuen mit aufgenommen worden sind, welche sich in diesem Augenblicke in irgend einem Kriminal-Gefängnisse oder einer Strafanstalt befinden, so ist dieses wohl sehr verzeihlich. Bei der schlechten Beschaffenheit der meisten Gefängnisse c. gehört das Entspringen einzelner Übeltäter keineswegs zu den Seltenheiten. *) Auch nach Abbüßung ihrer Strafzeit kehren die meisten Gauner augenblicklich zu ihrer gewohnten Lebensweise zurück und gefährden aufs Neue die öffentliche Sicherheit.

Das durchgreifende und wohlfeilste Mittel, ein ganzes Land von fremden Gaunern usw. rein zu halten, findet sich daher in der Bekanntmachung aller auf die persönlichen Verhältnisse und auf das Tun und Treiben derselben Bezug habenden Nachrichten, sowie in der ununterbrochenen Wachsamkeit und Tätigkeit der Sicherheits-Behörden. Denn nichts wird von sogenannten Kochemern mehr gefürchtet, als eine wohl unterrichtete strenge, niemals schlummernde Polizei. Auf das Sorgfältigste suchen sie jede Berührung mit derselben zu vermeiden, und nicht selten machen sie große Umwege, um nur nicht in deren Hände zu fallen. Ein Gauner verrät es dem andern, in welchem Orte oder in welchem Lande der Polizei nicht zu trauen ist. An Kirchen mauern, auf Brücken und Landstraßen c., überall finden sich Zeichen, die den Kochemern zur Warnung dienen. Deshalb sollten die Sicherheits-Beamten ganzer Distrikte gemeinschaftlich zusammenwirken und sich ihre, die Lebensweise der Gauner betreffenden, Erfahrungen in geordneten Sammlungen und in gewissen Zeitabschnitten mittheilen, sich aber auch einander zugleich auf diejenigen Behörden aufmerksam machen, welche, um nicht in ihrer behaglichen Ruhe gestört zu werden, gewissenlos genug sind, die von ihrem diensteifrigen Personale ergriffenen Gauner lieber mit einem Almosen oder gar mit einer neuen Reise- Legitimation über *)

*) Nach öffentlichen Nachrichten sind im Jahre 1831 bloß aus den Straf- und Zwangs-Arbeits-Anstalten des Kurfürstentums Hessen nicht weniger als 59 Verbrecher entflohen.

die Grenze zu weisen, als dass sie sich, wie es doch ihre Pflicht erheischte, Mühe geben sollten, dieselben zu entlarven und unschädlich zu machen. Solche Behörden verdienten wahrlich, dass man sie zum warnenden Beispiele für andere an den Pranger stellte! Nicht alle Gauner werden jedoch als solche geboren. Viele erzieht der Staat durch unnatürliche Einrichtungen und künstliche Anstalten. Geht man überhaupt auf den Grund so mancher unangenehmen Erscheinungen im gemeinen Leben zurück, so wird man nicht selten finden, dass Abweichungen von der Bahn, die uns die Natur vorzeichnete, hieran Schuld sind. Wie viele arme Menschen würden ehrlich geblieben und allmählig zu einigem Vermögen gekommen sein, wenn sie nicht eine falsch verstandene Regierungs-Fürsorge daran gewaltsam gehindert hätte!

Armut ist die Mutter der Verbrechen. Durch reichliche Geldspenden wird aber der ersten nicht vorgebeugt; Almosengeben zeugt Müßiggänger und Tagediebe. Unnatürliche Beschränkungen der Gewerbetätigkeit und des Erwerbs von Grundeigentum gebären Armut und schwächen die Liebe zu dem Nächsten und zum Vater lande. „Die Wurzel des Uebels, sagt ein bekannter Staatswirt, ist die Beschränkung der meisten Gewerbe, zu deren Ausübung man nur unter Bedingungen gelangen kann, welche oft manchem zu erfüllen unmöglich sind. Viele Armut würde weniger sein, wenn nicht die Obrigkeit Unzünftige und Unconcessionirte verfolgte, wenn nicht Monopole oder Verbote so manchen redlichen Erwerb abschnitten.“

Ich füge hinzu: Weit seltener würde man über Gefährdung der öffentlichen Sicherheit klagen hören, könnten sich die Regierungen der verschiedenen deutschen Staaten darüber vereinigen, den vielen heimatlosen Personen und Familien, welche man jeßt von einem Lande in das andere hetzt, und denen man nirgends Ruhe gönnt, bestimmte Wohnplätze anzuweisen, und ihnen zu gestatten, sich gleich den übrigen Staats-Angehörigen auf eine ehrliche Weise durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren. – Bei der bisherigen Behandlung der Heimathlosen darf sich aber Niemand wundern, daß der Zweck der Sicher heits-Polizei nur unvollkommen erreicht wird.

Scheu, wie das Wild, das der Jäger in seinen ver borgensten Winkeln aufsucht, ist auch der Heimathlose. Nirgends sicher vor den Nachstellungen der Polizei, und aus gestoßen aus allen Gemeinden des Landes, irrt er unstet um her, als unversöhnlicher Feind der bürgerlichen Gesellschaft. Von jeder nützlichen Beschäftigung, die ihm und den Seinigen Unterhalt verschaffen könnte, ausgeschlossen, und durch kein Besitztum an diese oder jene Gemeinde gebunden, sinnt er Tag und Nacht darauf, das Eigentum seiner Nebenmenschen zu gefährden und sich für die Verfolgung, welche ihm diese bereiteten, schadlos zu halten. So wie man die Menschenrechte bei dem Heimatlosen mit Füßen tritt, eben so glaubt dieser die Eigentumsrechte der unter dem Schutze des Staates lebenden Bürger beeinträchtigen zu dürfen. Wo sich dem Ausgestoßenen Gelegenheit zur Befriedigung seiner Bedürfnisse darbietet, sucht er sie zu seinem Vorteile zu benutzen. Häufig laufen die, welche Raub und Diebs stahl verhindern wollen, Gefahr, auf das Grausamste misshandelt zu werden. Not kennt kein Gebot – ist das Losungswort fast aller Heimatlosen.

Die Kinder solcher Unglücklichen, welche an den Feuerplätzen und in den Gaunerherbergen von nichts andrem, als von den Großtaten ihrer Altern und Verwandten reden hören, finden Lust an dem freien Gewerbe ihrer Ernährer und wachsen, dem ermunternden Beispiele ihrer Väter und den teuflischen Lehren ihrer Mütter folgend, gleichfalls zu Feinden der bürgerlichen Ordnung, der allgemeinen Ruhe und Sicherheit heran. Wie oft dienen dergleichen Kinder ihren Vätern zur Stillung ihrer viehischen Triebe! Manches Mädchen säugte schon das Kind ihres Vaters, das sie unter ihrem Herzen trug. Heinrich Michael Böhm, Dreßler, Görlein u. v. a. haben mit ihren Töchtern in wilder Ehe gelebt, und umgekehrt haben freche Dirnen ihre eigenen Söhne in der zartesten Jugend auf die schamloseste Weise zur Unzucht verleitet. Kein Wunder, wenn Geschöpfe, die wild emporsprossen und weder Kirche noch Schule besuchen, in jedem, der nicht Kochem ist, ihren Feind und Unterdrücker erblicken, und sich jede Niederträchtigkeit gegen denselben erlauben.

Wer berechnet, wie viel von solchen Gaunern das Jahr hindurch gestohlen und geraubt wird, und welche Summen ihre Zuhälterinnen und Kinder zusammenbetteln und dann in den so genannten käßer-Bennen vergeuden, der wird mit mir die Überzeugung teilen, dass der Staat mit geringen Mitteln vielen Heimatlosen ein passendes Unterkommen verschaffen könnte. Mit erfreulichem Beispiele ist die königl. preußische Regierung auch in dieser Beziehung vorausgegangen, indem sie zu Friedrichslohra eine besondere Kolonie für Zigeuner, die früher umherzogen und von Diebstahl und Betrug lebten, gründete, und der Erziehung der Jugend große Aufmerksamkeit widmete, so wie die Niederlassungen überhaupt möglichst erleichterte *).

*) Der evangelische Missions-Verein zu Naumburg sandte im Jahre 1830 Herrn Wilhelm Blankenburg und dessen gleichgesinnte Gattin nach Friedrichslohra, das Werk der Belehrung und Erziehung an Zigeunern zu beginnen.

Möge das, was Preußen zum Wohl der Menschheit tut, auch in andern Staaten bald Nachahmung finden! Mit den auf der Märtine grau gewordenen oder von einem Gefängnisse in das andere gewanderten Gaunern ist je doch wenig anzufangen. Ohne äußern Zwang werden sich die wenigsten zur fortgesetzten nützlichen Tätigkeit bequemen. Immer werden sie das freie Leben an den Feuerplätzen und in den kochemer Bennen jeder Art von geregelter Beschäftigung vorziehen. Solche Gewohnheitsdiebe eignen sich am besten zur Aufnahme in Arbeitshäuser, wo sie das, was sie brauchen, durch ihrer Hände Arbeit erwerben müssen. Die Kinder der Gauner hingegen würden gleich den armen Waisen bei braven Familien, oder da, wo es nötig ist, eine Zeitlang in besonderen Verwahrungshäusern auf Kosten des Staats und der zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder sich bildenden Vereine untergebracht werden müssen.

Auf keinen Fall aber dürfen dergleichen Vaganten und ihre Kinder einzelnen Gemeinden, in deren Mitte sie zufällig geboren worden sind, zur Versorgung aufgebürdet werden. Durch solche Maßregeln wird immer wieder Grund zu neuem Unheil gelegt und Anlass zur unmenschlichen Behandlung solcher, den Gemeinden aufgedrungener Personen oder Familien gegeben. Mit welchem Rechte, möchte ich auch fragen, kann man einer Gemeinde zumuten, eine heimatlose Familie, die niemals zu den Gemeindelasten et was beigetragen hat, bloß um deswillen aufzunehmen und zu versorgen, weil aus reinem Zufalle das Haupt derselben in ihrer Markung geboren, und alsbald nachher von seiner vagantischen Mutter im Bettelkorbe weiter getragen wurde? Es gab in einzelnen Orten, wie z. B. in Saalfeld, Herbsleben usw. sogenannte Spitäler, welche früherhin dem Gaunergesindel zum Asyl dienten. Vagantinnen, die ihre Entbindungszeit nicht mehr ferne glaubten, eilten dahin und hielten dort ihre Wochenbetten. Die Spitalväter fanden bei den Kindtaufen und Hochzeiten und den damit gewöhnlich verbundenen Bacchanalien ihre Rechnung. Wollte man den Gemeinden, in deren Weichbilde solche Spitäler unterhalten wurden, oder wo sonst Gerichtsherren aus schnöder Gewinnsucht allen Fremdlingen gegen Entrichtung eines jährlichen Tributs Schutz angedeihen ließen, alle diejenigen Personen, welche da selbst auf die Welt gekommen sind, mit ihren Familien, die sie sich in späteren Jahren geschaffen haben, zuschieben, so würde man das schreienste Unrecht an ihnen begehen.

Leichter ist es der Gesamtheit – dem Staate – der gleichen Lasten zu übernehmen, und die Fehler einer früheren Verwaltung wieder gut zu machen. Wie in England, dürften sich auch in Deutschland, wo seit 25 Jahren bereits unendlich viel Gutes und Groß artiges geschehen ist, auf sachgemäße Anregung sehr bald Männer und Frauen, in deren Busen ein gefühlvolles Herz schlägt, vereinigen, um das auf die Einbürgerung und zweckmäßige Erziehung der von Gaunern abstammenden Kin der gerichtete Bestreben der Regierungen auf die wirksamste Weise zu unterstützen und zu befördern. Ein Schritt führt dann zu dem andern. Es ist schon viel gewonnen, wenn anfänglich auch nur hie und da für die Sache gewirkt wird. Am notwendigsten aber ist es, dass sich die Sicherheitsbehörden einander besser verstehen lernen, und sich zeitig und willig die Hände reichen.

Die Fürsten Deutschlands, für gemeinnützige Unternehmungen empfänglich, werden vernünftigen Vorstellungen und zweckentsprechenden Vorschlägen gewiss gerne Gehör schenken, und deren Ausführung genehmigen. Außer den Gaunern, im eigentlichen Sinne des Wortes, gibt es aber auch noch andere Feinde der öffentlichen Sicherheit, die der Polizei viel zu schaffen machen. Ich habe sie im ersten Theil meiner polizeilichen Nachrichten classificirt und beziehe mich der Kürze halber auf denselben. Allgemeine Regeln, wie dem Tun und Treiben der selben am Nachdrücklichsten zu begegnen sei, sind zwar schon vielfältig von den ausgezeichnetsten Kriminal- und Polizei beamten in Vorschlag gebracht worden, aber leider, wie so manches Andere, fast ganz unbeachtet geblieben, bald gegeben, aber nicht so schnell ausgeführt.

Seit Jahren haben sich Männer vom Fache, wie die Herren Pfister, von Grolmann, Brill, Christensen, Stuhlmüller, Schwenken c., Pfeiffer, Dr. Pfeiffer II., Bischof, Merker u. a. m. abgemüht, zerstörend auf das Gaunerwesen einzuwirken. Noch haben ihre desfallsigen Anstrengungen den gewünschten Er folg nicht gehabt. – Mit der Verfolgung der Verbrecher und mit deren Bestrafung ist noch nicht alle Gefahr beseitiget. Die ganze Sicherheitspflege muss erst eine andere, zusammengreifendere, alle Staaten Deutschlands gleichförmig um fassende, humane Gestalt erhalten, das Communalwesen, sowie die bäuerlichen Verhältnisse und die Zunfteinrichtungen und Handelssysteme eine den Bedürfnissen der Zeit voll kommen entsprechende Form annehmen, ehe es besser wird. Allen Bestrebungen der Regierungen zuwider nimmt das Schmugglerwesen mit jedem Jahre einen bedenklichern Charakter an. Menschen, welche nach Art und Weise der Schmuggler alles, was heilig ist, mit unbeschreiblicher Frechheit verspotten; Menschen, die Ehre, Leben und Freiheit eines schnöden Gewinnes wegen täglich aufs Spiel setzen, das schnell Erworbene noch schneller wieder verprassen und mit dem Staate, den sie betrügen, in stetem Krieg leben, müssen notwendig große Besorgnisse erregen.

Solche Individuen bilden natürliche Banden, und gehen von dem Schmuggeln, wenn dieses die gewünschten Vorteile nicht mehr gewährt, leicht zum Raube über. So wenig es auch in der Macht der Polizei liegt, dieses mit den Zolleinrichtungen eng verbundene und mit diesen fallende Schmuggelwesen von Grunde aus zu vernichten, so sehr erheischt es doch ihr eigenes Interesse, auf die aus dem Betriebe solcher verwerflichen Geschäfte für die Moralität und Sicherheit des Staats entspringenden höchst nachtheiligen Folgen aufmerksam zu machen, und die Schmuggler selbst stets unter der strengsten Aufsicht zu halten. Wenn gewaltsame Einbrüche und Straßenräubereien jetzt vielleicht seltener vorkommen als vor 20 Jahren, so ist die Ursache hiervon hauptsächlich der veränderten Tätigkeit einer von fremdem Eigentume lebenden Classe von Menschen beizumessen. Von Aschaffenburg bis Hof längs der bayerischen Grenze ernähren sich mehrere Tausend Menschen vom Schmuggeln. Wie viele an andern Grenzen ein ähnliches Gewerbe treiben, läßt sich hiernach mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen. Verschmitztheit, Kühnheit, Entschlossenheit und Gewissenlosigkeit sind hervorstechende Eigenschaften aller Schwärzer oder Schmuggler. Welches Handwerk dieselben nach Aufhebung der im Innern von Deutschland bestehenden vielen Zollbarrieren ergreifen wer den, kann kaum zweifelhaft sein.

Bei der Herausgabe meiner neuen polizeilichen Nach richten habe ich mich lediglich auf die Veröffentlichung der Lebens- und Personal-Beschreibungen solcher Individuen beschränkt, die bereits die Sicherheit wirklich gefährdet haben. Man findet in der gegenwärtigen Sammlung Personen aufgeführt, die heimatlos in der Welt herumirren, und aus Not und Gewohnheit betteln und stehlen, aber auch solche Subjekte näher bezeichnet, die ganz allein durch eigne Schuld Diebe und Betrüger geworden sind. Da hin gehören fast alle die, welche zur Classe der sogenannten Hochstapler und Gschockgänger gehören. Ich habe die Beschreibung derselben weder alphabetisch geordnet, noch die Gauner selbst, wie im ersten Theil meiner polizeilichen Nachrichten, classificirt, wohl aber habe ich sie so an einander zu reihen gesucht, wie sie nach meiner Meinung am besten zusammenpassten. Das beigefügte alphabetische Verzeichnis der einzelnen Gauner dürfte das Auffinden derselben wesentlich erleichtern. Den Besitzern des ersten Theils meiner polizeilichen Nachrichten werden übrigens die dem zweiten Theil beigefügten Zusätze nicht unwillkommen sein. Eben so hoffe ich durch die Mittheilung mehrerer Stammtafeln berüchtigter Gaunerfamilien manchen Polizei- und Criminal-Beamten einen Dienst zu erweisen.

Der vormalige Polizeidirector der Provinz Niederhessen, Herr Geh. Regierungsrat F. G. Pfeiffer zu Cassel, hat in seinem Rundschreiben *) an die kurfürstlichen Kreisräte und fürstlich rotenburgischen Beamten der Provinz Niederhessen, d. d. Cassel 23. Oct. 1828, den Nutzen solcher Stammtafeln für Polizeibeamte gehörig ins Licht gesetzt, sich selbst aber durch die Herausgabe von 25 Stammtafeln der in Niederhessen hausenden Gaunerfamilien ein großes Verdienst um die Förderung der öffentlichen Sicherheit erworben.

*) Pfeiffer, Franz Georg: Stammtafeln mehrerer Gauner-Familien in der Provinz Niederhessen. Nebst einem Rundschreiben an die kurfürstlichen Kreisräthe und die Fürstlich Rotenburgischen Beamten. Mit 25 genealogischen Tafeln. Kassel, 1828

Mehr noch als Vagabunden und gemeine Diebe, nehmen diejenigen Gauner, welche sich durch List und Schlauheit auszeichnen, die Wachsamkeit der Polizei in Anspruch. Im Allgemeinen hat die Taktik der Gauner in neuerer Zeit eine ganz andere Richtung genommen. Anstatt, wie sonst, bandenweise die friedlichen Bewohner abgelegener Burgen, Höfe und Mühlen 2c, oder harmlose Rei sende zu überfallen, Thüren und Thore mit dem Rennbaum einzustoßen und die von ihnen Beraubten noch auf das Grausamste zu misshandeln, gehen die meisten Gauner jetzt mit einer Vorsicht, Besonnenheit und Verschlagenheit zu Werke, die oft alle Vorstellungen übersteigt. Sie kommen auch auf diesem Wege sicherer als früher zum Ziele. Von vielen ohne Aufsehen verübten Diebstählen oder Betrügereien erhält die Polizei nicht immer Nachricht; denn häufig scheut der Bestohlene die mit der Anzeige des ihm widerfahrenen Unheils verbundenen Zeitversäumnisse, der Geprellte aber, fürchtend hinterdrein wegen seiner Leichtgläubigkeit c. noch ausgelacht oder wegen der mit dem Betrüger unbewusst gemachten gemeinschaftlichen Sache gar gestraft zu werden, verschmerzt seinen Verlust, ohne etwas davon anzuzeigen.

So greift das Übel immer weiter um sich und zerstört das Glück ganzer Familien, während so genannte Schatzgräber oder Kartenschlägerinnen ihre Beute in Üppigkeit verschwelgen. Der Aberglaube der Landleute kommt dieser Classe von Betrügern trefflich zu Statten. Nur unter kräftiger Mitwirkung der Schulen wird es der Polizei gelingen, diesem gemeinschädlichen Treiben der erwähnten Schwindler nach und nach zu begegnen. Ganz besonders gefährlich sind ferner die von einem Volksfeste zum andern herumziehenden Kurzwarenhändler, Gaukler, Würfel- und Roulettspieler, die gewiss mit wenigen Ausnahmen gleichfalls Kochem sind, und die Anwendung jedes Mittels für erlaubt halten, wenn es zur Befriedigung ihrer Raubsucht dient. Sogenannte Fallmacher, die zum Schein gewinnen und ihren Brotherren in die Hände arbeiten, verleiten die Umstehenden, welche albern genug sind, den Schein für Wahrheit zu halten, zur Teilnahme an dem verderblichen Spiel. Soll aber das Unternehmen gelingen, so müssen hauptsächlich vermögende Leute, die sich im Genusse geistiger Getränke übernommen haben, beim Lampenschein, wo man die betrügerischen Handgriffe der Bankhalter und Spielunternehmer nicht so genau beobachten kann, an den Spieltisch gezogen und in das Netz des Falschspie lers gelockt werden. Jeder, welcher Gelegenheit gehabt hat, das Tun und Treiben der reisenden Spieler kennen zu lernen, wird sich überzeugt haben, dass diese an List und Gewandtheit fast alle übrigen Classen von Gaunern übertreffen und vielleicht unter allen das größte Unheil stiften. Ein wesentliches Verdienst erwerben sich daher diejenigen Beamten um die öffentliche Sicherheit, welche dergleichen Freischupper nirgends dulden, sondern sie von allen Vergnügungsorten zu entfernen suchen. Gut denkende und verständige Menschen werden die Polizei bei ihrem desfallsigen Bestreben gewiss gerne unterstützen, und die Folgen selbst werden lehren, dass sich das Volksvergnügen in dem Grade erhöhet, als sich das verderbliche Spiel mit Würfeln usw. vermindert.

Wie nötig es übrigens ist, der Sicherheits-Polizei die größte Sorgfalt zu widmen, und das Gauner-, Diebs und Vagabunden – Gesindel stets im Auge zu behalten, beweisen die vielen Steckbriefe hinter flüchtig gewordene Verbrecher und die häufigen Anzeigen von Gefährdung des Eigentums. Ich verweise deshalb unter andern auf die von dem Herrn Polizei-Rath Merker in Berlin seit dem Jahre 1819 redigierten Mittheilungen zur Beförderung der Sicherheitspflege, und glaube mich des Vorwurfs der Anmaßlichkeit keineswegs auszusetzen, wenn ich behaupte, dass diese für Polizei- und Kriminal- Behörden ganz unentbehrlich sind und demnach in keinem Sicherheits-Büro vermisst werden sollten. Dass ähnliche Mittheilungen aus den südlichen Provinzen Deutschlands in der nämlichen Übersicht, wie die Merkerschen, fehlen, ist sehr zu beklagen und umso mehr zu tadeln, als die Herausgabe eines gehörig geordneten Sicherheits-Anzeigers für Süddeutschland in je der Beziehung von dem größten Nutzen sein würde.

Entschlossen die angefangene Sammlung von polizeilichen Nachrichten über Gauner usw. fortzusetzen und möglichst gemeinnützig zu machen, ersuche ich alle mit der Handhabung der öffentlichen Sicherheit beauftragten Herren Beamten, mich mit Beiträgen von Personal- und Lebensbeschreibungen gefährlicher Gauner und Vagabunden geneigtest zu unterstützen und im Voraus des lebhaftesten Dankes gewiss zu sein. Ebenso willkommen ist mir jede Berichtigung oder Vervollständigung der von mir herausgegebenen polizeilichen Nachrichten, und ich richte deshalb an alle mit der Aufrechthaltung der öffentlichen Sicherheit beauftragten Behörden und Beamten die ergebene Bitte, mir in obiger Beziehung nichts vorzuenthalten, wogegen ich mich ausdrücklich verbindlich mache, alles gehörig nachzutragen und den treffen den Untersuchungsrichtern c. in vorkommenden Fällen diejenigen Aufschlüsse zu gewähren, welche ich zu geben im Stande bin.

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