B. Straßen-Räubereien mit tödlicher Verwundung der Beraubten

Actenmäßige Nachrichten von dem Räubergesindel in den Maingegenden, dem Odenwald und den angrenzenden Ländern. Besonders in Bezug auf die in Darmstadt in Untersuchung befindlichen Glieder desselben Von C.F. Brill, Großherzogl. Hessischem Kriminal-Richter zu Darmstadt. Erste Abtheilung.

8.) Das erste, dieser Verbrechen fiel zwischen Höhfeld und Werteim am 10ten November 1803 vor.

Teilnehmer waren:

Johann Adam Heusner und

Das kleine Krämer- Johannchen – oder Schneiderchen (Johannes Kinzinger.)

Beide Räuber kamen aus der Gegend von Rimbach nach Miltenberg, von wo sie nach Werteim  gingen. Hier kehrten sie bei dem dasigen Bäcker und Nebenwirth H.,.. ein, der mit beiden bekannt war, und ihnen die Nachricht gab, dass der Rosenwirt von Höhfeld in Werteim anwesend sei,

Wein dahin gebracht und dafür ungefähr 700 fl. einzunehmen habe und die Nacht herbei kommen werde, bis derselbe von Werteim wegfahre. H… selbt war nach der Aussage des Rosenwirts einer von denjenigen, welcher von dem Wein erhalten, den er mit seinem Bruder Peter Fiederling dahin um Lohn gefahren hatte.

Beide Räuber machten sich auf diese Kundschaft von Werteim voraus fort auf den Weg nach Höhfeld. Sie kamen auf demselben bis an den nächst diesem Ort liegenden Hof, ohne dass ihnen der erwartete Rosenwirt nachgekommen wäre. Indem sie daher den Weg wieder zurück nach Werteim zu namen, begegnete ihnen der Bruders-Sohn des Rosenwirts, der mit seinem Ochsenwagen voraus zurück fuhr. Die Räuber gesellten sich zu demselben, gingen wieder eine Strecke mit zurück, ließen sich mit ihm in ein Gespräch ein, fragten ihn hierbei auch nach dem Rosenwirt und erfuhren, dass solcher noch zurück sei und nachkomme.

Beide kehrten sich nun wieder nach Werteim zu. Es war 6 Uhr Abends und vollständig Nacht, als sie bald nachher dem Rosenwirt und seinem Bruder Peter Fiederling, die nach 4 Uhr mit jenes seinem Wagen von Werteim weg gefahren waren, begegneten. Mit der Pistole auf die Brust gesetzt, wurde ihnen das Geld abgefordert. Der Rosenwirt reichte sein Beutelchen, in dem sich etwa 3. fl befanden, hin, wurde aber von Heusner angewiesen, dasselbe auf die Erde zu werfen und gleich seinem Bruder aufgefordert, auch dass übrige noch bei sich habende Geld herzugeben. Da beide versicherten, dass sie keins mehr bei sich hätten, die Räuber aber nach der von ihrem Kundschafter gehabten Nachricht

glaubten, dass dieselben solches nur verläugneten; so wurden solche nun persönlich angepackt, mit Schlägen misshandelt, und zu Boden geworfen. Johann Adam Heusner hatte es hierbei nach seiner Angabe mit dem Bruder des Rosenwirts, das Krämer-Johannchen aber mit diesem zu tun. Zur Erde geworfen, visitierte Heusner jenes seine Kleidungsstücke, indem er dabei seine Pistole und Stock

neben sich auf die Erde legte. Der von dem Schneiderchen zu Boden geschlagene Rosenwirt rief  seinem Bruder: „Gott sei meiner armen Seele gnädig! Bruder, ich bin hin!“

Heusner glaubte, dass sein Kamerad in Gefahr sei, ließ deshalb den Bruder des Rosenwirts fahren, suchte im Dunkeln nach seiner Pistole und Stecken, während dem jener ihm entschlüpfte, seinem Bruder zu helfen suchte, und dabei dem Schneiderchen mit einem kurzen Stecken (Heusner nennt es einen Peitschenstiel) auf den Kopf schlug.

Nun rief dieser: „Bruder, jetzt schieß“ sprang zu gleicher Zeit zurück, und schoss seine mit Schrot

geladene Pistole auf den Peter Fiederling los, und verwundete ihn in den linken Arm. Diese Wunde hinderte indes denselben nicht, den Räubern zuzurufen: „Halt ihr Kerl, der Schuss hat mir nichts getan! Jetzo kommt wieder her, wir wollen es euch machen !“

Diese hielten es aber nicht für gut, länger zu verweilen, sondern machten sich fort, da auch der Rosenwirt, welcher durch den Schuss aus seiner Betäubung, in welcher er durch die Schläge auf den Kopf versetzt gewesen, wieder zu sich selbst gekommen war, – rief: „Bringt mir mein Wagenbeil her!“

Seine Pistole ließ Heusner auf dem Platze zurück, wo sie am andern Morgen aufgefunden wurde. Sie war mit einer kleinen Kugel – einem sogenannten Pfosten – geladen.

Der in mittelst, nachdem die Untersuchung gegen Johann Adam Heusner längst geschlossen war,  durch den von Aschaffenburg hier zur Konfrontation gewesenen kleinen Johann entdeckt und zur gefänglichen Haft gebracht -werdene Johannes Kinzinger (Krämer-Johannchen) stellt indes in Abrede, den Schuss gethan zu haben, und behauptet, dass es vielmehr Heusner gewesen, der geschossen habe, da: er sich gegen die beiden Angegriffenen nicht mehr habe wehren können, die auf dem Platz vorgefundene Pistole auch nicht dem Heusner, sondern ihm, Kinzinger, zugestanden habe. Der verwundete Bruder des Rosenwirts starb den 1 2ten November, also den zweiten Tag nach seiner Verwundung, am Brand. Zufolge der nach seinem Tod vorgenommen wordenen Legal-Inspektion war der Schuß in die äußere Seite des linken Arms gegangen und ein Schrot-Schuss. Dieser Stelle der Verwundung nach war solche durchaus nicht absolut letal, sondern vielmehr unter geschickten chirurgischen Händen unbedeutend.

Das von dem Fürstlich – Löwensteinischen Landamt zu Werteim erhaltene, aber leider in der Mitte abgebrochene und nicht einmal unterschriebene Untersuchungs-Protokoll über das Ableben des laesi lässt auch in seiner jetzigen Gestalt nur zu sehr vermuten, dass der Tod lediglich eine Folge ebenso unwissender als ungeschickter und vernachlässigter Behandlung war.

Sehr zu wünschen wäre es gewesen, dass der die Inspektion des Leichnams vorgenommen habende Arzt – eine Sektion konnte wegen allzu großer Fäulnis nicht vorgenommen werden – sich darüber näher geäußert hätte, ob nach der Beschaffenheit der Verwundung der hinzugetretene Brand unabwendbar und derselbe in der Beziehung absolut letal oder ob der Brand Folge unwissender und ungeschickter Behandlung und so die Ursache des Todes war.

Die Wunden des Rosenwirts Georg Fiederlings befanden in vier oberflächlichen gequetschten Hautwunden in osse parietatis. Nicht lange nach dieser Tat hatte Heusner, wie er selbst erzählt, die Frechheit, als Kastenkrämer dem Rosenwirth in seinem eigenen Haus ein paar Bockfelle zum Verkauf anzubieten; er erzählt dies! mit dem. Zusatz: der Rosenwirt müsse sich dieses Umstandes selbst noch erinnern, und der Krämer sei er, Heusner, gewesen. Das nächste Nachbarshaus war dessen gewöhnliches Quartier zu Höhfeld.

Heusner hatte mit dem Bekenntnis dieses Verbrechens lange zurück gehalten, und wie er zu jenem überging, zur Entschuldigung angeführt, dass er es deshalb nicht angegeben, weil er und sein Schwager, das Schneiderchen dabei allein gewesen seien.

9.) Straßenraub im Ronneburger Wald und dabei erfolgte Tötung eines Fuhrmanns

Bei diesem Verbrechen waren Teilnehmer:

Johann Adam Heusner,

Dessen Bruder, Stephan Heusner,

Der dicke Bub (Christian Haag)

Johann Adam Grasmann,

Martin Rupprecht, vulgo Hessen-Martin

Die Tat geschah am 2ten Februar 1809. Der sogenannte Porzellan-Hannes (Johannes Vogt) Vater der Beischläferin des Martin Rupprechts, hatte diesem verraten, dass die den Gelnhäuser Markt besuchenden Tuchmacher von Schotten ein guter Fang seien, und dieser dem Johann Adam Heusner davon Nachricht gegeben, der die andern zum Unternehmen einlud.

Der Ort, wo die Tuchmacher von Schotten bei ihrer Rückkehr von Gelnhausen beraubt werden sollten war an dem Eingang des Ronneburger Waldes, an der von Mittelgründ nach dem Ort Bonhausen gehenden Straße bestimmt.

Den Heusner, Grasmann, dicken Buben und Stephan Heusner führte ihr Weg dahin über den

Gräflich Meerholzischen Pachthof bei Mittelgründ, wo ersterer gut bekannt war, sie einkehrten und Äpfelwein tranken. Sie trafen hier den Juden Salomon Levi von Lorbach, der auch von dem Gelnhäuser Markt kam und welchen Johann Adam Heusner als kochem kannte. Er erkundigte sich bei diesem nach den erwarteten Tuchmachern, erhielt aber die Nachricht, dass dieselben auch über Haingrund fahren könnten, welcher Weg zwar etwas weiter, aber besser sei. Dadurch bereits ungewiss gemacht, ob die erwarteten Tuchmacher den Weg kommen würden, sahen sie bei dem Herausgehen aus dem Hof einen Wagen fahren, fanden ihn in dem nahe gelegenen Ort  Mittelgründau halten, und Vorspann nehmen und begaben sich nun durch dieses Ort an den zum Angriff bestimmten Platz, indem sie den Wagen für den zum Raub bestimmten Tuchmachern angehörigen hielten.

Den Martin Rupprecht fanden sie bereits auf dem Platz. Sie waren hier kaum beisammen, als der Wagen angefahren kam. Es war der Knecht eines sichern Beck zu Büdingen, der einen Wagen Glas aus dem Kahlgrunde nach Büdingen führte und sich zu Mittelgründau den dasigen Einwohner Peter

Weinel als Vorspann mitgenommen hatte. Die Nacht war eingetreten, wie dieselben an den Wald kamen, sie waren kaum 20 Schritte in demselben gefahren, als sie von den Räubern angegriffen wurden. Der dicke Bub war voran und da angeblich der Vorspänner Weinel gegen ihn mit der

Peitsche hieb, so gab er ihm einen solchen Schlag mit seinem, nach der Angabe des Grasmanns mit Blei eingegossen gewesenen Stock, dass er zusammen stürzte. Der Geschlagene raffte sich von  diesem Schlag wieder auf, erhielt aber von Graßmann noch einige Schläge und stürzte darauf

ganz zusammen und blieb zwischen den Pferden liegen.

Der Beckische Knecht, Heinrich Herchenröder, wurde indes von Martin Rupprecht und Stephan Heusner mit Schlägen angepackt und erhielt dabei von jenem mit einem Stachelstock einen Stich in den Arm. Auf sein Lamentieren, dass er Frau und Kinder habe, und seine Erklärung, dass sie sich in ihm irrten, indem er Glas fahre, gebot Johann Adam Heusner durch das Zurufen: „Halt! den Andern Einhalt. Dieser nahm nun die Pferde und fuhr den Wagen, von der Straße ab in den Wald, während dabei der dicke Bub ihm mit einer dazu angezündeten Strohfackel leuchtet. Der Beckische Knecht wurde von Stephan Heusner, Martin Rupprecht und Grasmann dem Wagen hinten nach geführt: beide erstere gingen ihm zur Seite und jeder hielt ihm eine Pistole nach dem Kopf hin, vor. Auf dem Platz, wo der Wagen still hielt, wurde Herchenröder an ein Wagenrad gebunden. Johann Adam Heusner aber kehrte zu dem geschlagenen Fuhrmann Weinel zurück und schleppte ihn an einen

Eichbaum, an den er ihn ansetzte. Nach Heusners Angabe sowohl als der des Grasmanns, Rupprechts und des dicken Bubens konnte Weinel nicht mehr sprechen, er röchelte und atmete nur stark. Johann Adam Heusner wusch ihn mit seinem bei sich gehabten Brandewein;  derselbe blutete so stark, dass Heusner sein beim Abwaschen gebrauchtes Nastuch nicht mehr benutzen konnte,

sondern es wegwerfen musste: dieser fühlte dabei nach seiner eigenen Versicherung, dass oben in dem Hirnschädel ein Loch und solcher ganz eingeschlagen war.

Nach der Rückkehr des Johann Adam Heusners zu dem Wagen wurde der Beckische Knecht von dem Rad losgebunden, da die Pferde den Wagen fortzogen. Er wurde dagegen nun an Händen und Füßen gebunden, auf die Erde gelegt und mit von dem Wagen genommenen Tüchern zugedeckt, um ihn dadurch zu verhindern, die Räuber zu erkennen. Nun wurden die auf dem Wagen gepackten Kisten

herunter geworfen, aufgeschlagen und das darin befindliche Glaswerk, bestehend in Tafelglas und Trinkgläsern zertrümmert. Die Räuber trugen nichts davon, als einiges Werkzeug von einem Glasschleifer, das sie in einem Kästchen fanden und zum Theil für Silber hielten und nach der Angabe

des Beckischen Knechts einige ihm zugestandene Kleidungsstücke. Nachdem die Räuber mit dem Aufschlagen der Kisten usw. und dem Nachsuchen nach der – dem Johann Adam Heusner verloren gegangen gewesenen – Pistole an eine Stunde zugebracht hatten, so wurde der Beckische Knecht losgebunden, der geschlagene Vorspänner Weinel herbei gebracht, auf den Wagen gelegt, mit den Packtüchern zugedeckt und ersterer dann angewiesen, nach Mittelgründau zurück zu fahren.

Bei der dasigen Ankunft brachte der Beckische Knecht den Weinel in seine Behausung, wo er den  folgenden Morgen halb 7 Uhr starb.

Die Räuber hatten sich bei der Abfahrt des Beckischen Knechts ebenfalls von dem Platz entfernt und ihren Weg nach Hainchen genommen, wo sie, außer dem Martin Rupprecht, ihr Quartier hatten. Herr Stadt Direktor Dr. Pfister hat in dem 1ten Theil pag. 111 seiner aktenmäßigen Geschichte bereits bei diesem Verbrechen das auffallende Benehmen gerügt, welches das Gräflich-Isenburgische Justizamt zu Büdingen, sowohl hinsichtlich der Verfolgung der Urheber dieses abscheulichen Verbrechens, die nur einige Stunden von dem Ort der Tat sich aufhielten, als der Richtigstellung des Tatbestandes der Tötung beobachtet hat.

Das Benehmen des Arztes und Wundarztes gilt um so auffallender, da sie nicht nur die Obduktion unterlassen haben, sondern auch in ihrem viso reperto sich nicht einmal bestimmt äußern, ob nach dem Gefühl der Hirnschädel dann wirklich entzwei war, sondern nur sagen, dass es so geschienen.

Wer von den Räubern den Beckischen Knecht an Händen und Füßen gebunden, konnte nicht genau ausgemittelt werden. Grasmann und Johann Adam Heusner gaben es von Rupprecht, dieser aber von Heusner an.