Quellen – Carl Philipp Theodor Schwencken

Kurhessischer Obergerichtsrath bey dem Criminal-Senate in Fulda

Aktenmässige Nachrichten von dem Gauner- und Vagabundengesindel. Sowie von einzelnen professionierten Dieben, in den Ländern zwischen dem Rhein und der Elbe, nebst genauerer Beschreibung ihrer Person

Original gedruckt in der Hampeschen Buchdruckerey, Cassel, 1822, 656 S. marmorierter Pappband der Zeit mit rotem Rückenschild. Erste und einzige Ausgabe.

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Vorbericht

Nichts erschwert die Untersuchungen gegen Gauner und heimathlose Diebe so sehr, nichts vereitelt so oft den Zweck der polizeylichen Wirksamkeit gegen sie, als die Gewandheit, womit sich diese Menschen den Augen der Obrigkeit zu entziehen wissen, und die unbiegsame Hart-
näckigkeit, mit der sie ihre persönlichen Verhältnisse, ihr früheres Leben, ihre Verbindungen und dergleichen c. dem Richter zu verbergen bemüht sind. Und doch ist es unumgänglich nothwendig, in allen diesen Beziehungen genau unterrichtet zu seyn, wenn nicht gerade
die verruchtesten Bösewichter, die gefährlichsten Verbrecher dem Arme der strafenden Gerechtigkeit entschlüpfen und die Maaßregeln der Sicherheits-Polizey würkungslos machen sollen. Es kann daher für die Sicherheits- und Strafrechtspflege nicht anders als förderlich
seyn, wenn die Kenntniß, welche sich einzelne Beamte durch umfassende Untersuchungen und längere Geschäftsführung von dem Gaunergesindel und dessen gefährlichsten Individuen zu erwerben Gelegenheit gehabt haben, durch zweckmäßige Mittheilung auch für andere Behörden zugänglich gemacht wird.

Zur Verbreitung einer näheren Kenntniß des jüdischen Gaunergesindels, ist durch die Herausgabe der Notizen über die berüchtigsten jüdischen Gauner und Spitzbuben (Marburg und Cassel 1820) – insofern dadurch der Weg zu einer sich immer mehr vervollkommnenden Sammlung von Nachrichten über dieselben gebahnt worden ist, – ein Schritt geschehen, welcher, bey der von den höchsten Justiz- und Polizey – Behörden mehrerer deutschen Bundesstaaten zugesicherten und zum Theil schon bethätigten Unterstützung, zu der Hoffnung berechtigt, in dieser Beziehung einmal etwas Vollständiges und möglichst Befriedigendes liefern zu können.
Was aber das christliche Gaunergesindel betrifft, so hat es bis jetzt an einem Werke gefehlt, woraus der Justiz- und Polizey-Beamte in vorkommenden Fällen diejenigen Nachrichten, von welchen für die Erreichung ihrer Zwecke so vieles abhängt, hätte entnehmen können. Zwar besitzen wir mehrere schätzbare Druckschriften, welche die Ergebnisse der gegen einzelne Räuber – und Diebesgesellschaften geführten Untersuchungen darlegen und sehr wichtige Nachrichten über diese Menschenklasse, sowohl im Allgemeinen als im Einzelnen, enthalten. Da sich diese Nachrichten aber nur auf das Gaunergesindel einzelner Gegenden, z. B. auf jenes, welches die Länder am Main, im Odenwalde, in der Wetterau einst beunruhigte, beschränken, auch seit deren Herausgabe schon eine Reihe von Jahren verflossen ist, in welchen das so unstäte und wandelhafte Ungeheuer zum Theil eine ganz neue Gestalt angenommen hat, so befriedigen sie nur selten das Bedürfniß, welches sich dem Richter fast bey jeder einzelnen Untersuchung gegen heimathlose Verbrecher fühlbar macht. Dies gilt ganz besonders von Kurhessen und den meisten benachbarten Ländern, in Ansehung deren bisher ganz und gar kein Hülfsmittel vorhanden war, durch welches sich die Criminal- und Polizey – Beamten die Erlangung einer möglichst vollständigen Kenntniß von den, ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nehmenden, Gaunern und Landstreichern hätte ereichtern können.

Durch eigene sowohl, als fremde Erfahrung auf das vollständigste überzeugt, daß ein, die Verbreitung einer genaueren Kenntniß des Gauner- und Landstreicher – Gesindels bezweckendes Werk zur Beförderung der Sicherheits- und Strafrechtspflege wesentlich beyzutragen geeignet
seye und ermuntert durch den Nutzen, welche die oben erwähnten Notizen über die Gauner jüdischer Nation in dieser Beziehung bereits geleistet haben, habe ich mich für verpflichtet gehalten, auch diejenigen Nachrichten, welche ich über das christliche Gaunergesindel seit einer Reihe von Jahren zu meinem eigenen Gebrauch gesammelt hatte, durch Benutzung aller dazu dienlichen Hülfsmittel möglichst zu vervollständigen und für den Druck zu bearbeiten. Ich mußte mich hierzu um so mehr aufgefordert fühlen, als das Gauner- und heimathlose Diebesgesindel in der neuesten Zeit, wo die heilsame Strenge, mit welcher dasselbe früherhin beobachtet und verfolgt worden ist, hin und wieder sehr nachgelassen zu haben scheint, sein Haupt wieder mit erneuerter Frechheit zu erheben angefangen hat. –

Es waltete indessen in Ansehung der Art und Weise, wie diese Nachrichten zur Kenntniß der betreffenden Behörden zu bringen seyen, in sofern ein gegründetes Bedenken ob, als die Verbreitung derselben durch den Buchhandel aus leicht begreiflichen Gründen als durchaus unzweckmäßig erscheinen mußte. Diesem Anstande ist indessen durch die Einwürkung der Kurhessischen hohen Ministerien der Justiz und des Innern dergestalt abgeholfen worden, daß Hochdieselben, mein Unternehmen einer huldvollen Aufmerksamkeit würdigend, die Erreichung des dadurch beabsichtigten Zweckes durch die Verordnung zu sichern geruhet haben, daß von dem Werke die erforderliche Anzahl Eremplare auf herrschaftliche Kosten unter die sämmtlichen Criminal- und Polizey – Behörden des Kurstaats vertheilt werden solle.
Die mitgetheilten Nachrichten sind sämmtlich entweder mittel- oder unmittelbar aus Criminal-Akten geschöpft worden. Eine vorzüglich reiche Ausbeute haben die gerichtlichen Proceduren der ehemaligen Criminal Höfe dahier und in Marburg, sowie insbesondere die in der neueren Zeit bey hiesigem Kurfürstlichen Criminal – Gerichte geführten Untersuchungen geliefert. Sodann sind auch die gedruckten Hülfsmittel, namentlich die von den Herren Pfister, von Grolman und Brill über das Gaunergesindel in den Großherzogthümern Baden und Hessen herausgegebenen Werke, so wie mehrere an verschiedenen Orten erschienene Gaunerlisten und Zeitblätter, so weit es zweckmäßig schien, benutzt worden.

So bedeutend aber auch die Nachrichten waren, welche alle diese Quellen darboten; so ließen sie doch noch manche sehr fühlbare Lücken unausgefüllt. Um nun auch diese zu ergänzen und das Werk so vollständig als möglich zu machen, habe ich es mir erlaubt, durch das hiesige Kurfürstliche Criminal- Gericht die Unterstützung und Mitwirkung der benachbarten Criminal- Behörden des In- und Auslandes in Anspruch zu nehmen. Von diesen haben nun auch mehrere jenem Wunsche durch Mitheilung sehr schätzbarer Beyträge mit einer nicht genug anzuerkennenden Bereitwilligkeitzu entsprechen, die Gefälligkeit gehabt, wie man sich dann insbesondere dem Königl. Preußischen Inquisitoriate in Heiligenstadt, dem Königl. Großbritt.-Hannövrischen Criminal-Amte in Duderstadt und dem Großherz. Sächsischen Criminal- Gerichte in Eisenach in dieser Beziehung verpflichtet fühlt. Andere Behörden dagegen haben das an sie gerichtete Ansuchen, – wahrscheinlich weniger aus Mangel an Interesse für ein allgemein als nützlich anerkanntes Unternehmen, als wegen überhäufter Geschäfte oder sonstiger Verhinderung – uns berücksichtigt gelassen. – Es erklärt sich daher sehr leicht, woher es komme, daß gar manche Individuen, welche in dem nachfolgenden Verzeichniß wohl eine Stelle verdient hätten, ganz weggeblieben, die Nachrichten von andern aber nur sehr mangelhaft ausgefallen sind.

Wenn es nun aber nicht zu verkennen seyn möchte, daß von einem einzelnen Beamten, ohne die vollständigste Unterstützung anderer Behörden, etwas durchaus Befriedigendes nicht geleistet werden kann, wenn es ferner von selbst einleuchtet, daß bey der Unstätigkeit und Wandelbarkeit des behandelten Gegenstandes, auch die vollständigsten Nachrichten nur eine Zeitlang den beabsichtigten Nutzen gewähren können, so wird sich der Wunsch rechtfertigen, daß durch fortdauerndes Sammeln und durch eine fortgesetzte Correspondenz mit den betreffenden Behörden auf dem Grunde, der durch die vorliegende Sammlung gelegt worden ist, fortgebaut werden und solchergestalt nach und nach ein Werk das Daseyn erhalten möchte, welches man – und dies ist das Ziel, welches zu erreichen, man bestrebt seyn muß nur nachzuschlagen brauchte, um über jedes vorkommende Individuum der in einem bestimmten Bezirke existirenden Gauner und Vagabunden, die nöthige Auskunft zu erhalten. –
Von dem mannichfachen Nutzen, den ein Werk von dieser Vollständigkeit sowohl der Polizey – als der Strafrechtspflege gewähren müßte, auf das lebhafteste überzeugt, würde ich mich sehr gern dem mühsamen Geschäfte des Sammlens, Sichtens und Ordnens noch ferner unterziehen, wenn ich mich der, das Gelingen dieses Unternehmens allein bedingenden, Mitwürkung der betreffenden Behörden erfreuen dürfte. Ich erlaube es mir daher, denselben anheim zu stellen, inwiefern sie mir ihre Unterstützung in dieser Beziehung angedeihen zu lassen sich bewogen finden möchten.

Hessische Polizeihusaren um 1800

Da die christlichen Gauner und Herumzügler, der Regel nach, nur in einem gewissen, mehr oder weniger ausgedehnten, Bezirke umherstreifen, nicht aber, wie die Individuen des jüdischen Gaunergesindels, ganz Deutschland durchziehen, so kann der Zweck eines Werkes der vorliegenden Art, so weit die Natur der Sache es zuläßt, für die Länder, auf welche es vorzugsweise berechnet ist, erreicht werden, wenn es sich blos auf einen gewissen weder allzuausgedehnten, noch allzubeschränkten Umkreis erstreckt. – Um in dieser Hinsicht das Bedürfniß für Kurhessen und die demselben benachbarten Länder zu befriedigen, wird es daher hinreichen, die mitzutheilenden Nachrichten blos auf das, in den Ländern zwischen dem Rhein und der Elbe existirende Gaunerund Vagabundengesindel auszudehnen, da es nur selten der Fall seyn wird, daß von den Gaunern weiter entlegener Gegenden sich welche hierher verlaufen, wogegen es aber um so gewöhnlicher ist, daß sehr viele Gauner des nördlichen Deutschlands, wenn sie auch einem bestimmten Lande durch Geburt oder gewöhnlichen Aufenthalt angehören, die Länder zwischen dem Rhein und der Elbe von Zeit zu Zeit in allen möglichen Richtungen durchstreifen. – Von den in den mitgetheilten Nachrichten vorkommenden Gaunern hat sich der größte Theil in Nieder- und Oberhessen, im Fuldaischen, Hanauischen, Würzburgischen, im Waldeckischen, Paderbornischen und Hannöverischen, viele auch in den Sächsischen Ländern, im Schwarzburgischen, Reusischen, Anhaltschen, Baireuthschen, in den Großherzoglich Hessischen, Großherzoglich Badischen und Herzoglich Nassauischen Ländern, in den Preußisch – Westphälischen Provinzen bis nach Holland hinunter, im Lippischen, Schaumburgischen, im Braunschweigischen und Oldenburgischen umhergetrieben. –
Um den Gebrauch der mitgetheilten Nachrichten, soviel als möglich, zu erleichtern, sind denselben zwey Register beygefügt worden, von denen das eine die sämmtlichen vorkommenden Namen, wahre sowohl als angenommene und Spitznamen, das andere aber die in den mit getheilten Signalements angegebenen Kennzeichen und Merkmahle enthält. Dies letzte war vorzüglich um deswillen nöthig, weil man sich bekanntermaßen auf die Namen, welche die Gauner und heimathlosen Diebe vor Gericht angeben, sehr selten verlassen kann, und daher, um sie zu erkennen, in der Regel nichts übrig bleibt, als die Kennzeichen ihrer Person mit den vorhandenen Signalements zu vergleichen. Zu diesem Endzweck ist nun das erwähnte Register, wie ich aus eigner Erfahrung weiß, sehr erleichternd, indem dasselbe eine genaue Uebersicht sämmtlicher in den Nachrichten enthaltenen Signalements darbietet, so daß man darin nur die Hauptkennzeichen des betreffenden Subjects – als Größe, Alter und dergleichen, aufzusuchen und sodann das bezeichnete Signalement mit der Person des zu recognoscirenden Angeschuldigten zu vergleichen braucht.“

Die mit einem * bezeichneten Signalements sind übrigens völlig autentisch, indem dieselben sämmtlich nach der Person des Signalisirten aufgenommen sind, während sich die übrigen, weniger zuverlässig, meist nur auf die von einem Dritten gegebene Beschreibung gründen. – Das in den Signalements angegebene Alter ist da, wo nicht ein anderes ausdrücklich bemerkt ist, stets vom Jahr 1821 zu verstehen.

So wie ich nun aber in Beziehung auf das Ganze einer nachsichtigen, die Schwierigkeiten eines Unternehmens dieser Art berücksichtigenden Beurtheilung bedarf, so muß ich dieselbe ganz besonders in Ansehung des historischen Theils der Einleitung erbitten. Niemand fühlt mehr, als ich selbst, wie wenig derselbe den Anforderungen Genüge thut, welche man an eine, die beyden letzten, in dieser Hinsicht so merkwürdigen Jahrzehnte umfassende, Geschichte des Gaunerwesens in den Ländern zwischen dem Rhein und der Elbe zu machen berechtigt ist. Wenn man aber erwägt, daß es hierüber, außer dem was etwa aus den im Druck erschienenen Geschichten verschiedener einzelner Räuber – und Gaunerbanden zu entnehmen ist, an allen Hülfsmitteln mangelt und daß der Bezirk, hinsichtlich dessen ich uns mittelbar aus Quellen schöpfen konnte, in Verhältniß zum Ganzen, nur sehr beschränkt ist, so wird man sich geneigt fühlen, meinen Versuch mit der erforderlichen Nachsicht zu beurtheilen. Um desto strenger aber wünsche ich, die von mir im zweyten Abschnitt der Einleitung gemachten Vorschläge zur gänzlichen Ausrottung des Gaunergesindels beurtheilt zu sehen. Der Zweck, auf den diese Vorschläge gerichtet sind, ist zu wichtig, als daß die Mittel, welche mir zu dessen Erreichung geeignet scheinen, nicht von allen Seiten beleuchtet zu werden verdienten. –
Ich werde mich übrigens für die Mühe, mit welcher die Ausarbeitung des vorliegen den Werkes verbunden war, reichlich belohnt fühlen, wenn meine Absicht, dadurch zur Beförderung der Sicherheits- und Strafrechtspflege etwas beyzutragen, einigermaßen erreicht werden sollte.

Cassel im September 1821.
C. P. T. Schwencken,
Kurhessischer Obergerichtsrath bey dem Criminal- Senate in Fulda.


Darstellung der Gerichtsbarkeit und des Verfahrens der Kurhessischen Polizey-Commissionen, als Polizey-Strafgerichte, von C.P.T. Schwenken, Kurhessischem Obergerichtsrathe in Cassel, Ritter des Kurhessischen Hausordens vom goldenen Löwen, Schmalkalden, in der Barnhagenschen Verlagshandlung 1828

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