Johannes Borgener

vulgo Polengängers Hannes

Johannes Borgener
Johannes Borgener

Auch Mahnen-Hannes oder Katzenschinder genannt, angeblich zu Romsthal bei Saalmünster geboren [*1787]. Er war ein Mitglied der Vogelsberger Gaunerbande und ist, 26 Jahre alt, im März 1813 in Giessen zum Tode veruteilt worden. Er war ein Bruder von Michael Borgener und hatte die Christine Gros zur Beischläferin.

Signalement

Er ist 24 1/2 Jahre alt, 5 Fuß 4 1/2 Zoll groß, untersetzt, stark und breitschulterig. Haare und Augenbraunen sind bräunlich-blond, letztere karg; der Bart ist hellblond und schwach, ohne Seitenhaare. Sein Gesicht ist länglich, mehr schmal, als breit geformt; die Ohren stehen weiter nach hinten, als gewöhnlich. Die Stirne ist rund und klein, das Augenpaar hellbraun, irrenden Blicks, jedoch voll Lebhaftigkeit und Feuer. Die Nase ist grad, stark, platt, mit weiten Öffnungen. Er hat ein breites rundes Kinn und einen ziemlich großen Mund mit aufgeworfenen Lippen, besonders nach, unten. Auf seinem rechten Backen befindet sich eine ungefähr 3 Zoll lange nach oben hin doppelte Narbe, angeblich von dem Biss eines Hundes. Auf der rechten Seite des Scheitels hat er eine rundliche, ungefähr einen Zoll lange, dermalen ziemlich mit Haaren bewachsene Schlag-Narbe. Auf der linken Seite des Hauptes sieht man drei, Finger breit über dem Ohr eine dergleichen, welche aber etwas. kleiner, tiefer und dermalen noch ziemlich ohne Haare ist. Sein Kopf sitzt mehr als gewöhnlich in den Schultern, und hat starke vorstehende Backenknochen. In beiden Ohren trägt er Ringe.

Nie hatte er eine bleibende Wohnstätte. Sein angeblicher Geburtsort ist Romsthal, vulgo Romspel, bei Eckardenrot unweit Saalmünster. Neben der Gaunerei gab er sich ab mit Mahnen- oder Korbmachen, und wurde daher auch der Mahnenmacher oder Mahnenhannes genannt. Er bekennt sich zur katholischen Religion, und ist ein jüngerer Bruder des XVIII. beschriebenen Michael Borgener, vulgo Pohlengängers Michel.

Seine Beischläferin heißt Christine Grosin, ist angeblich geboren zu Hüttengesäß im Isenburgischen, und war mit Conrad Werner, der ihre Schwester Mariane zur Zuhälterin hatte, zu Langenselbold verhaftet. Die Mutter dieser beiden Weibsleute, Elisabetha Grosin, eine Schwester des hier sitzenden Jacob Heinrich Vielmetter (XXXI.), hütete zu Issigheim, im Hanauischen, die Gänse.

Christine Grosin, Borgeners Beischläferin, die mit ihrer Mutter an vielen Verbrechen desselben Schuld oder entfernten Anteil hat, ist ungefähr 40 Jahre alt, und etwa 5 Schuh groß ; hat schwarze Haare, gewöhnliche Nase und Mund, und ein rundes blatternarbiges Gesicht. Sie brachte ihm einen Buben zu, der sich Nicolaus Rüssel nennt, und jetzt 12 Jahre alt ist. Mit Borgener hat sie ein Mädchen von ungefähr 5 Jahren, namens Marianne; außerdem aber keine Kinder.

Schicksal

Der Vater des Inquisiten, Wilhelm Borgener, versilberte – wie wir wissen – sein weniges Vermögen, zog nach Polen, kam nach einigen Jahren wieder zurück, durchstreifte den Vogelsberg, und starb bei Schotten unter freiem Himmel. Die Mutter Elisabetha lebt noch, und hält sich in und um Gelnhausen auf. (S. XVIII.)

Inquisit gibt zwar seinen Eltern das Zeugnis, sie hätten ihn nicht zum Stehlen angeführt, im Gegenteil, wenn sie so etwas gemerkt, streng bestraft. Indessen wurde er doch durch ihre Lebenzart zum Landstreicher gebildet und der Gaunerei nahegebracht. Sein Bruder Michael war lange vor ihm Gauner, und nahm ihn schon mit zu Diebstahlen, als er noch nicht zur Hälfte erwachsen war. Früh geriet er dadurch in Bekanntschaft mit Adolph Diederich und andern vorzüglichen Gaunern. Jung, feurig, kräftig, aufrichtig und unerschrocken, wie er war, wurde er bald berüchtigt und gesucht, und blieb nirgends auf halbem Wege stehen. Schon im Jahr 1801 wurde er wegen Landstreicherei mit seiner Mutter im hiesigen Land eingezogen, und nach Gießen gebracht. Nach Verlauf einiger Wochen wurden beide, da keine besonderen Verbrechen gegen sie vorlagen, unter Landesverweisung wieder entlassen.

Am 18ten Februar 1808 kam er abermals zum hiesigen Stockhaus. Er war in dem neu akquirierten von Riedeselischen Gebiete aufgegriffen und eines Schaf-Diebstahls beschuldigt. Die Untersuchung gab keinen vollständigen Beweis; er erlangte daher nach etlichen Wochen, unter Landesverweisung abermals die Freiheit. Beide Male war er im Vogelsberg arretiert worden, und die zweite Landesverweisung wurde mit seinem Signalement in die Zeitung gesetzt. Dies wahrscheinlich und die Eifersucht, die zwischen beiden Brüdern herrschte, trieb ihn aus dieser Gegend. Er zog nun höher hinauf nach der Wetterau. Die Verbindung mit seiner Beischläferin Christine Groß verschaffte ihm bald nähere Bekanntschaft mit der Wernerischen und Vielmetterischen Familie, wie sich aus der Genealogie Nummer XXXI. entnehmen lässt. Jetzt war sein Haupt-Aufenthalt im Hanauischen und Isenburgischen, wo seiner Beischläferin Mutter, und mehrere Glieder der Familie Werner und Vielmetter, Schutz und Aufnahme genossen. Bedenkt man, dass das Hanauische Gebiet, nach dem Sturz der alten Regenten-Familie, lange Zeit ein verwaistes, bloß administriertes Land war, und die Durchkreuzung seines Territorial -Umfangs von fremdem Gebiet noch dazu jede solide Polizei-Anstalt lange darin erschwehrte; so sieht man, dass alle Umstände dahin wirkten, den Inquisiten bei obiger Verbindung zum vollendeten Räuber zu machen, und wie es möglich war, dass er ohne Scheu und ungehindert mehrere Jahre sein Unwesen fort. treiben konnte, wodurch er immer tollkühner und verwegener wurde. Im Jahr 1809 war er zwar wegen getriebenen Unfugs mit Kindern, die er mit gezucktem Messer zwischen Kilianstädten und Wachenbuchen auf öffentlicher Straße verfolgte und ihres Brotes beraubte, zwanzig Wochen zu Hanau in Arrest. Allein dieser Vorfall war, da kein förmliches Urteil ihn condemnirte, bald vergessen, – und einer Untersuchung, die ein Jahr später zu Bergen gegen ihn eingeleitet werden sollte, wusste er sich durch Ausbruch aus dem Gefängnis bald genug zu entziehen.

Jetzt hatte die Untersuchung zu Burggemünden, die den Grund zur hiesigen Räuber-Untersuchung legte, ihren Anfang genommen, und Inquisit war dabei als Dieb angegeben worden. Ob man gleich aus den dortigen Angaben nur wenig, oder eigentlich) gar nichts Bestimmtes abnehmen konnte ; so veranlasste dies doch seine Aufnahme in das Gauner-Verzeichnis, das im Oktober 1810 in Gießen auf Verordnung des um die Sicherheits-Polizei sehr verdienten Herrn Regierungs-Präsidenten Freiherrn von Stein verfasst, und den Benachbarten von Großherzoglicher Regierung mitgeteilt wurde. Nach und nach erfuhr man durch die hiesige Untersuchung mehreres über seine Verbrechen. Man kommunizierte nunmehr noch besonders mit den Behörden im Hanauischen Lande, das seinem neuen Regenten eine bessere Polizeiverfassung verdankte. Inquisit wurde hierauf ergriffen und ohne Umstände hierher geliefert. Am 2ten Sept, 1811, am Tag nach seiner Einlieferung, begann sein Verhör und das Geständnis seiner Verbrechen. Es war in allen zur General-Untersuchung gehörigen Punkten bis zum 5. Dezember vollendet.

Charakter

Folgende Grund-Linien bezeichnen seinen Character:

Er ist aufrichtig, wahrheitsliebend, beherzt, leichtsinnig, feurig, schnell hingerissen, jedoch bei einmal gefasstem Entschluss standhaft; dankbar, aufbrausend, racheliebend, in jeder Hinsicht wollüstig und unangenehme Empfindungen scheuend; begabt mit lebhafter Einbildungskraft; gutem Gedächtnis und überwiegendem Hang zu guter Laune; bei hellem Verstand, doch öfters reiflicher Überlegung und Nachdenken ermangelnd; naiv, selbst zu Zeiten witzig; etwas eitel, musikliebend, selbst musikalisch; sanguinisch, unbekümmert um die Zukunft, und mehrenteils lustig. Er tentierte während seines hiesigen Arrestes nie einen Ausbruch. Man erinnert sich nicht, dass er irgendeine Züchtigung erhielt oder notwendig machte. Er schien dem Verfasser, der seine Untersuchung allein führte, und ihm wegen seines ordentlichen Betragens einige kleine Wohltaten erwies, sehr zugetan und verpflichtet.

Verbrechen


Quellen:
[1] GROLMAN, FRIEDRICH LUDWIG ADOLF: Actenmäßige Geschichte der Vogelsberger und Wetterauer Räuberbanden und mehrerer mit ihnen in Verbindung gestandenen Verbrecher; nebst Personal-Beschreibung vieler in alle Lande teutscher Mundart dermalen versprengter Diebe und Räuber; Mit einer Kupfertafel, welche die getreuen Bildnisse von 16 Haupt-Verbrechern darstellt; Giessen, Heyer, 1813, Seite 392 Nr. XLII ff.
[2] PFISTER, LUDWIG: Aktenmäßige Geschichte der Räuberbanden an den beiden Ufern des Mains, im Spessart und im Odenwald : enth. vorzügl. auch die Geschichte der Beraubung und Ermordung des Handelsmanns Jacob Rieder von Winterthur auf der Bergstraße
[3] SCHWENCKEN, KARL PHILIPP: Aktenmässige Nachrichten von dem Gauner- und Vagabundengesindel. Sowie von einzelnen professionierten Dieben, in den Ländern zwischen dem Rhein und der Elbe, nebst genauerer Beschreibung ihrer Person Original gedruckt in der Hampeschen Buchdruckerey, Cassel, 1822; Seite 121